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am 4. April

Corona-Blues

- Das meint der Wolf

Corona-Blues​

Der Wolf schleicht gedrückt durch den verlassenen Wald. Die Vögel hocken in ihren Nestern und die Murmeltiere haben sich in ihrem Bau verkrochen. Keine Menschenseele ist zu sehen: Das Rotkäppchen darf nicht mehr zur Großmutter, der Jäger hat sein Gewehr weggelegt und schlichtet im Supermarkt Klopapier in die leergefegten Regale, Hänsel hat sich zum Zivildienst gemeldet und Gretl macht Dienst in einem Pflegeheim. Das tapfere Schneiderlein näht Schutzkleidung und Doktor Eisenbart intubiert Schwerkranke auf der Intensivstation. 

Da steht am Waldrand ein verwittertes Schild auf dem steht: „Geht’s der Wirtschaft gut, so geht’s den Menschen gut”. Der Wolf schüttelt den Kopf und schnieft durch seine Schutzmaske. Das hat er nie so gesehen, und recht hat er. Da hat die Wirtschaft geboomt, die Geschäfte waren voll von Waren aus aller Herren Länder, selbst aus China. Flugzeuge zogen ihre Kondensstreifen kreuz und quer über den Himmel, man konnte es sich leisten in ferne Gegenden zu fahren und von dort allerlei mitzubringen. Die Wintersportorte lagen im Partyfieber. 

Plötzlich ist alles anders, das Fieber aus den Partys heißt nun COVID 19 und macht die Menschen krank, manche sterbenskrank. 

Den Menschen geht’s schlecht, und siehe da - nun geht’s der Wirtschaft schlecht. 

Das Karussell von kaufen und verkaufen dreht sich kaum mehr, die langen Wege von Waren und Arbeitskräften sind von Grenzen unterbrochen, Betriebe stehen still und Menschen verlieren Arbeit und Einkommen. 

Doch die Not weckt schlummernde Kräfte: Menschen, die zur Aufrechterhaltung unserer Gesellschaft notwendig sind - von der KassierIn im Supermarkt bis zu den Ärzten - trotzen dem Risiko einer Infektion, Egoismus weicht der Solidarität, wir lernen die Vorteile von Nahversorgung und der Unabhängigkeit von langen Lieferketten kennen. Anstatt politischem Zwist herrscht weitgehend Einigkeit, wir sind bereit manche persönlichen Freiheiten auf staatliche Anordnung einzuschränken und der Glaube an die alles regulierende Macht des freien Marktes schwindet. 

Das macht den Wolf optimistisch, die Pandemie wird vorbei gehen, die Welt wird zwar nicht mehr so sein wie vorher, aber nicht notwendige Weise schlechter. Vielleicht können wir einige der Erkenntnisse aus der Krise in unser normales Leben mitnehmen. Dann steht vielleicht auf der Tafel „Geht´s den Menschen gut, so geht’s der Wirtschaft gut”, hofft

der Wolf​ (3.4.2020)